Alina Bronsky kennt man bisher als Autorin von Romanen. Nun hat sie zusammen mit der Hebamme Denise Wilk ein Buch geschrieben, auf das ich im Zusammenhang mit der – meiner ganz privaten Meinung nach völlig unsäglichen und überflüssigen – Regretting Motherhood-Diskussion gestoßen bin. Bereits der Untertitel macht aber schon deutlich, dass dieses Buch sich nicht in den Aufreger-Hype um das Schlagwort „Regretting Motherhood“ einreiht, sondern sich schlicht sachlich mit der Situation von Müttern in unserer heutigen Gesellschaft beschäftigt.
Die beiden Autorinnen beschäftigen sich mit allen Themen rund ums Kinderkriegen und Mutterschaft, sie beginnen mit Kinderwunsch und Reproduktionsmedizin, kommen über Schwangerschaft und Geburt und Elterngeld und Elternzeit zu Kinderbetreuung und der Situation von Alleinerziehenden.
Selbst Mütter mehrerer Kinder haben die beiden zwangsläufig eine gewisse Expertise im Themengebiet, ihr Buch geht aber weit über persönliche Meinungen hinaus: Sie haben mit Müttern gesprochen, zitieren Zeitungsartikel, Statistiken und Studien und blicken in unsere Nachbarländer, so dass verschiedene Meinungen und Sichtweisen zur Sprache kommen.
Ihr Fazit: Mütter werden bevormundet und gegängelt, ihre Kompetenz in Bezug auf ihre Kinder wird systematisch aberkannt und ausgehöhlt, Politik und Gesellschaft üben mittlerweile großen Druck auf Mütter aus, z.B. damit sie schnell wieder in den Beruf zurückkehren, ihre Position wird in vielerlei Hinsicht geschwächt. Feministinnen stellen ihre Geschlechtsgenossinnen unter Generalverdacht, die Ideen des Feminismus zu verraten, wenn sie zugunsten der Kinder – zeitweise – auf Berufstätigkeit und Karriere verzichten. Eine Sichtweise, die die Politik teilt, wenn auch aus anderen Gründen – Mütter sollen schnellstmöglich möglichst in Vollzeit wieder in den Beruf einsteigen zugunsten von Steuereinnahmen und Wirtschaftswachstum.
Auf der Strecke bleiben bei alldem die Kinder, die so früh wie möglich in Betreuungseinrichtungen gegeben werden sollen statt im Familienzusammenhang geborgen betreut zu werden und aufzuwachsen. Ein Zusammenhang zwischen frühester Betreuung in Einrichtungen und psychischen Krankheiten wird mittlerweile z.B. in Frankreich offensichtlich.
Dabei ist die Situation in Deutschland noch besser als in vielen anderen Ländern. Hier gibt es z.B. noch Hebammen, die eine außenklinische Geburt betreuen, Schwangerschaftsvorsorge ist nicht an den Bezug von Erziehungsgeld gekoppelt, die Entscheidung gegen eine frühzeitige Fremdbetreuung hat zumindest keine direkten staatlich verordneten Konsequenzen auf den Rentenbezug, es gibt bei vielen Fragen Wahlmöglichkeiten.

Trotzdem kann ich als Mutter zweier kleiner Kinder und können alle befreundeten Mütter, mit denen ich zwangsläufig über all die im Buch angesprochenen Themen regelmäßig geredet habe und dies immer noch tue, dies alles bestätigen, was die beiden beschreiben. Auch wenn ich in Berlin Friedrichshain und damit auf einer vermeintlichen kleinen Insel der Glückseligen lebe, was Hebammenbetreuung und Möglichkeiten einer selbstbestimmten Geburt angeht, haben wir alle die unerfreuliche Erfahrung gemacht, dass ein Mütter-Bashing salonfähig geworden ist, das sprachlos macht. Freunde aus Brasilien, die ebenfalls ein kleines Kind haben, sind anhaltend entgeistert und entsetzt darüber, wie hierzulande (werdende) Mütter und Kinder behandelt werden.
Doch auch meine Generation, die was mich und meine Freundinnen betrifft alle emanzipierte moderne Frauen sind, die wir studiert und anspruchsvolle Jobs haben, die wir unseren Lebensunterhalt selbst verdienen, was laut Statistik immer noch nicht selbstverständlich ist, kommen, seitdem wir Kinder bekommen haben, an viele Grenzen: Wer zugunsten der Kinder die Arbeitszeit reduziert oder gar länger als ein Jahr zuhause bleibt, wird als Verräterin am Feminismus betrachtet; wer aber sein Kind später als 17 Uhr aus der Kita abholt, weil frau wieder Vollzeit arbeiten geht, wird behandelt wie die allerletzte Rabenmutter.
Wer nicht bald wieder arbeiten geht, riskiert die Karriere; wer Zuhause bleibt, nimmt sozialen Abstieg und oftmals Armut in Kauf.
Wer seine Kinder in kurzen Abständen oder auch mehr als zwei bekommt, ist gleich verdächtigt, asozial und oder Sozialschmarotzer zu sein.
Und und und.
Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf IST eine Lüge und verlangt von allen Müttern einen großen Spagat und einen Einsatz, der an die Grenzen des Leistbaren und darüber hinaus geht. Ausnahmen bestätigen auch hier leider die Regel.

Man kann es nie allen recht machen, das ist keine Frage. Doch stimme ich den beiden Autorinnen zu: Ein Umdenken ist dringend erforderlich. Und zwar in vielerlei Hinsicht. Mütter und Kinder dürfen nicht mehr als störende Nervensägen an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, sondern müssen wieder ein ganz selbstverständlicher Teil sein.
Nötig sind nicht mehr Kitaplätze für immer jüngere Kinder, sondern mehr qualitativ hochwertige Betreuung.
Die Frage, ob ich für mein Kind länger zuhause bleibe, darf keine Frage des „Es sich leisten können“ und von Armut oder nicht sein.
Ganz allgemein müssen Familien mehr und differenzierter unterstützt werden, insbesondere in der heutigen Zeit, in der enorm viel Flexibilität und Mobilität für den Beruf erwartet wird und der Familien damit die Unterstützung durch die Großfamilie meist nicht mehr zur Verfügung steht.
Und und und.

Das Thema ist ein wirklich weites Feld. Alina Bronsky und Denise Will formulieren mit ihrem Buch einen wichtigen Denkanstoß, es sollte Pflichtlektüre für PolitikerInnen sein, die sich die Förderung von Familien und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf auf die Fahnen schreiben, ach eigentlich für alle.

Alina Bronsky, Denise Will: Die Abschaffung der Mutter
Deutsche Verlags-Anstalt
ISBN 978-3-421-04726-7
17,99 EUR

Die Abschaffung der Mutter von Alina Bronsky

 

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